So wichtig die Typenwahl ist, über Komfort und Gesundheit entscheidet am Ende die Anpassung an den Körper. Ein Rollstuhl, der nicht passt, wird über Stunden zur Belastung — und eine falsch eingestellte Sitzfläche führt rasch zu Druckstellen. Die Masse hängen unmittelbar am Körper und lassen sich nicht nach Gefühl wählen. Die Sitzbreite richtet sich nach der Beckenbreite: Ist sie zu schmal, drückt der Rahmen an Hüfte und Oberschenkel; ist sie zu breit, rutscht man zur Seite und muss beim Selbstfahren weiter nach aussen greifen, was kraftraubend ist. Die Sitztiefe folgt der Oberschenkellänge — als Anhaltspunkt sollte zwischen der Kniekehle und der Vorderkante des Sitzes noch ein Abstand von etwa zwei bis drei Fingern bleiben, damit nichts in die Kniekehle drückt. Die Sitzhöhe bestimmt, ob die Füsse sauber auf den Fussstützen stehen und ob sich der Rollstuhl bequem an Tisch und Bett heranfahren lässt; wer selbst antreibt, sollte die Greifreifen bei locker hängenden Armen gut erreichen. Dazu kommt die Höhe von Rücken-, Arm- und Fussstützen: Eine höhere Rückenlehne stützt den Rumpf stärker, eine niedrigere lässt den Schultern mehr Bewegungsfreiheit fürs Antreiben — was besser ist, hängt von Rumpfkraft und Nutzung ab.
Bei längerer Sitzdauer und bei erhöhter Gefahr von Druckstellen kommen Anti-Dekubitus-Sitzkissen oder, bei komplexen Bedürfnissen, individuell angepasste Sitzschalen hinzu. Solche druckverteilenden Auflagen — je nach Bauart aus Schaumstoff, Gel, Luftkammern oder einer Kombination — verteilen das Körpergewicht auf eine grössere Fläche, statt es punktuell auf Gesäss und Sitzbeinhöcker lasten zu lassen; sie werden häufig als entlastend empfunden und erhöhen die Sicherheit beim langen Sitzen. Ein solches Kissen ersetzt aber nicht das regelmässige Entlasten und Umsetzen und behandelt keine bestehende Wunde — es ist eine Massnahme der Sitzversorgung, keine Heilbehandlung. Weil das richtige Kissen von Gewicht, Sitzverhalten und Hautzustand abhängt, gehört seine Auswahl in fachliche Hände. Wie umfassend die Ausstattung insgesamt sein muss, lässt sich selten am Katalog ablesen — eine fachliche Abklärung durch eine Ergotherapeutin, die Spitex, eine Hilfsmittelberatung oder ein spezialisiertes Sanitätshaus hilft, Ausführung, Masse und Sitzversorgung auf den tatsächlichen Bedarf abzustimmen. Wo möglich lohnt es sich, verschiedene Modelle vor der Anschaffung Probe zu sitzen.
Wie stark die Sitzversorgung Gesundheit und Teilhabe beeinflusst, gehört in der Schweiz zum Forschungsfeld der Schweizer Paraplegiker-Forschung und der von ihr getragenen Kohortenstudie SwiSCI, die sich mit dem Leben mit Querschnittlähmung befasst; für die ergonomische Gestaltung von Hilfsmitteln forscht unter anderem das Institut für Ergotherapie der ZHAW. Für den Seniorenalltag lässt sich daraus vor allem eine praktische Faustregel ableiten: Die richtige Ausführung ist die, die zum Wohnumfeld, zur Kraft und zur Nutzungsdauer passt — nicht die teuerste oder die mit den meisten Funktionen.
Ein prüfender Blick aufs Wohnumfeld rundet die Auswahl ab. Türschwellen, enge Flure, ein knapper Wendekreis im Bad oder eine Treppe ohne Alternative entscheiden mit, ob ein Rollstuhl im Alltag wirklich taugt; ein zu breiter Rollstuhl passt womöglich nicht durch die Badezimmertür, ein zu langer nicht um die Ecke im Flur. Manchmal ist eine Schwellenrampe, ein verbreiterter Durchgang oder ein Umstellen von Möbeln nötig, damit das Gerät seinen Zweck erfüllt. Wer den Rollstuhl vor allem drinnen nutzt, achtet auf einen kleinen Wendekreis; wer viel draussen unterwegs ist, auf grössere Räder und eine stabile Bereifung für unebenen Grund.
Praxis-Tipp
Vor der Anschaffung lohnt das Probesitzen mit den Massen, die zum Körper passen — und ein ehrlicher Blick auf den Alltag: Wird der Rollstuhl vor allem drinnen oder draussen genutzt, selbst angetrieben oder geschoben, dauerhaft oder nur gelegentlich? Eine fachliche Abklärung (Ergotherapie, Spitex, Hilfsmittelberatung) beantwortet diese Fragen, bevor Geld in ein Modell fliesst, das im Alltag nicht passt.